Sieben Monate im „Patrimonio Natural“: Wie steht es beim Bewusstsein für Klima- und Umweltschutz in Argentinien?
04.05.2023 - Marla Zech
In meinem ersten Bericht aus Argentinien habe ich über mein Projekt in der Nähe von Buenos Aires, die Aufgaben dort und von dem großen Engagement der Gründerinnen des „Patrimonio Natural“ geschrieben. Das hat mich sehr beeindruckt. Doch in den sieben Monaten, die ich in meinem Freiwilligendienst in Argentinien verbracht habe, habe ich auch einige Einblicke in das Bewusstsein der Bevölkerung hinsichtlich des Klimawandels, dessen Folgen und Schutzmaßnahmen, die getroffen wurden oder getroffen werden müssten, erhalten. Hierüber will ich in diesem, meinem schon letzten Bericht erzählen.
Argentinien hat in Sachen Klimaschutz und Bewusstseinsschaffung einiges nachzuholen. Dafür hat sich meine Einsatzstelle, das „Patrimonio Natural“ schon viele Jahre engagiert. Mit verschiedenen Aktionen wie Bildungsveranstaltungen, Vorträgen und Pflanzungen. Trotzdem ist das Umweltbewusstsein auf verschiedenen Ebenen wie der Bevölkerung, der Industrie und der Politik noch nicht ausgereift und in vielerlei Hinsicht zu verbessern.
Hinsichtlich der Bevölkerung habe ich dort viele kleine Erfahrungen gemacht, die das Problem der Umweltverschmutzung verursachen oder sogar verstärkt haben. Einerseits ist der Aspekt der Müllentsorgung hier zu nennen. In dem Großteil der argentinischen Haushalte wird der Müll nicht getrennt. Zum Teil wird er aufgrund fehlender Entsorgungssysteme auf den Straßen verbrannt. Generell prägt der Müll das Landschaftsbild der umliegenden Gemeinden von Buenos Aires, der Stadt sehr. Auch in der Reserva floss ein stark verschmutzter Fluss, der Rio Lujan, durch.
Vor allem der Plastikmüll ist ein großes Problem in Argentinien. Beim Einkaufen bekommt man prinzipiell eine Plastiktüte dazu und Softdrinks aus Plastikflaschen sind sehr verbreitet. Laut einer Studie der „Fundacion vida silvestre”, dem argentinischen Zweig der WWF, sind etwa 80 Prozent des an den Stränden der Provinz Buenos Aires gefundenen Mülls Plastik.
Foto: Marla Zech
Andererseits gibt es auch hinsichtlich des sonstigen Konsums Argentinien nicht wirklich den Fokus auf Nachhaltigkeit. In den Supermärkten, zum Beispiel lassen sich keinerlei Bio- oder Fair Trade Produkte finden. Allerdings hat dieses fehlende Bewusstsein für Müllvermeidung und Nachhaltigkeit viele gesellschaftliche Gründe, die es schwer machen, den Umweltschutz als relevantes Thema zu etablieren.
Foto: Marla Zech
Auf der einen Seite leidet Argentinien unter einer ökonomischen Krise mit einer Inflation von über 100 Prozent und einer derzeitigen Armutsquote von 42 Prozent. Die Menschen haben viele Probleme in ihrem täglichen Leben, da tritt das Bewusstsein für Umweltschutz oft in den Hintergrund.
Des Weiteren ist es in Argentinien sehr schwer, sich unabhängig und verlässlich zu informieren, da die führenden Medien dort politisch voreingenommen sind. Auch in den öffentlichen Schulen ist der Zugang zu Umweltbildung nur begrenzt, da diese wenig staatliche Unterstützung erhalten und Kinder von wohlhabenden Familien Privatschulen besuchen.
Daher finde ich es grundsätzlich wichtig, dass privat geführte gemeinnützige Organisationen wie das "Patriomonio Natural" versuchen, hier etwas entgegen zu setzen.
Auch auf industrieller Ebene ist das Bewusstsein für eine nachhaltige Produktionsweise oder auch die Bereitschaft für Klimaschutz sehr gering, da es nicht genug entsprechende staatliche Regulierungen gibt und es natürlich billiger ist, die vergifteten Abwässer in nächstgelegenen Fluss zu entlassen, statt sie fachgerecht zu entsorgen.
Laut einer Studie der Universitäten Buenos Aires (UBA) und Rosario (UNR) werden nur etwa acht Prozent des Industrieabfalls fachgerecht entsorgt. Der Rest landet in Flüssen oder auf illegalen Müllhalden. Das Naturreservat, welches das „Patrimonio Natural“ leitet, war bis vor 20 Jahren ebenfalls eine Müllhalde und davon sind immer noch Überreste zu sehen, wie zum Beispiel ein altes, zerfallenes Auto, das im Boden vergraben ist.
Foto: Marla Zech
Diese industrielle Klimazerstörung hat hauptsächlich politische Gründe. Aufgrund von Korruption, fehlenden finanziellen Mitteln und der instabilen ökonomischen Lage ist das politische Engagement für Maßnahmen zum Klimaschutz eher dürftig.
Einmal besuchten wir eine Demonstration für das „Ley de humedales“, ein Gesetz zum Schutz der Feuchtgebiete. Dieses Gesetz wird bereits seit zehn Jahren nicht verabschiedet, aufgrund von fadenscheinigen Behauptungen, wie die Definition von „humedales", also Feuchtgebiete müsse noch geklärt werden, nachdem bereits zehn Jahre über dieses Gesetz diskutiert wurde. Und leider ist davon auch die Reserva des Patrimonio betroffen.
Foto: Marla Zech
Auch an dem langsamen Tempo der Energiewende kann man dieses fehlende Bewusstsein sehen. Zurzeit werden etwa zehn Prozent der argentinischen Energie aus erneuerbaren Quellen gewonnen. Bis 2025 sollen es 20 Prozent sein. Während meiner Zeit in Argentinien wurde mir ersichtlich, dass für das Umweltbewusstsein in diesem Land noch einiges getan werden muss.
Außerdem hat es in den letzten vier Jahren nicht genug Niederschlag gegeben, was laut einer Studie der World Weather Attribution aber nicht nachweislich mit dem Klimawandel zusammenhängt.
Und doch leidet die argentinische Bevölkerung bereits jetzt sehr unter den Folgen des Klimawandels und der damit einhergehenden Veränderungen, was ein immer größeres Bewusstsein schafft. Laut einer Befragung der „Fundacion Vida Silvestre“ ist während der Corona Pandemie das Bewusstsein für den Konsum natürlicher Ressourcen und die Beziehung zur Natur auf 71 Prozent der Bevölkerung gestiegen. Ein wichtiges Werkzeug, um das Bewusstsein zu steigern, wäre auch die Umweltbildung als festen Teil der Schulbildung zu implementieren. Des Weiteren ist eine stabile ökonomische und soziale Situation vonnöten, um effektive Maßnahmen für den Klimaschutz zu integrieren. Denn wer hat schon die Kapazitäten sich um einen nachhaltigen Konsum zu sorgen, wenn er nicht weiß, wie er das nächste Essen auf den Tisch bekommen soll? Leider ist das immer noch ein sehr reales Problem in Argentinien. Aber von hier kann es ja nur aufwärts gehen.
Nach sieben Monaten in meinem Projekt in Argentinien habe ich meinen Freiwilligendienst auf eigenen Wunsch vorzeitig beendet. Die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit machen konnte, habe ich mitgenommen nach Deutschland.
Auch hier bei uns ist ganz sicher vieles zu verbessern, bei Müllvermeidung, Nachhaltigkeit und in den Schulen. Aber man kann froh sein, dass die ökonomische und soziale Situation bei uns viel besser ist als in Argentinien. Das ist Glück und Verpflichtung zugleich. Und vielleicht können auch wir hier in Deutschland etwas dazu beitragen, dass es in Argentinien schnell aufwärts geht.