Detail Berichte Guayama_2024

Kleine Fortschritte sind ein großer Erfolg oder: Wie Sprache den Horizont erweitern und Neugier wecken kann

13.03.2025 - Tonja Reppegather
Hallo, ich bin Tonja, 19 Jahre alt und mit dem weltwärts-Programm für ein Jahr in den Anden Ecuadors. Hier mache ich einen Freiwilligendienst in dem abgelegenen Dorf Guayama, das man nach drei Stunden wackeliger Busfahrt von Latacunga aus erreicht. 

Gemeinsam mit einer Mitfreiwilligen arbeite ich nun schon seit einigen Monaten an zwei Grundschulen, die jeweils von den fünf- bis vierzehnjährigen Kindern der indigenen Kichwa-Gemeinde besucht werden.
Foto: Tonja Reppegather
Da es auf dem Lande traurigerweise sehr schlecht um die Englischlehrer bestellt ist und es schlichtweg Keinen gibt, der mehr als „Good morning“ auf Englisch sagen kann, unterstütze ich nicht nur im Englischunterricht, sondern gebe ihn komplett selber. Auch wenn ich so sehr gut beschäftigt bin, macht mir die Arbeit mit den Kindern noch mehr Spaß, als ich es im Vorhinein gedacht habe, und wir teilen viel Freude und Energie miteinander.

Allerdings gibt es durchaus die ein oder andere Herausforderung. Man darf sich die Schule nicht wie eine deutsche Schule vorstellen, genauso wenig wie man die Kinder, die Umstände, und die Lebensrealität mit der der deutschen vergleichen kann. Guayama ist eine Welt für sich, die ich erst einmal verstehen musste, um meinen Unterricht sinnvoll zu gestalten. 
Ab und an mache ich noch den Fehler, die Hintergründe der Kinder zu vergessen. Bei all den Schuluniformen kommt das schon einmal vor. Dann ärgere ich mich ein wenig, dass wir so wenig geschafft haben, die Kinder nicht stillsitzen können oder die Kommunikation mit dem Schulleiter nur schleichend langsam funktioniert. 

Meistens denke ich, funktioniert es aber ganz gut, mit Liedern, Spielen und Malen. Die Kinder hier können wirklich alle beeindruckend gut malen. Auch versuche ich den Sinn des Freiwilligendienstes für mich auszuweiten. Wie viele Vokabeln die Kinder am Ende gelernt haben, das scheint mir gar nicht so bedeutsam. Viel wichtiger ist doch, dass sie Freude an Englisch haben, dass sie wissen, da draußen existiert eine große Welt in der auch sie Chancen und Rechte haben. 


Foto: Tonja Reppegather
In unserem nachmittäglichen Girls Club versuchen wir zusätzlich, einen sicheren Raum für die älteren Mädchen zu schaffen. Soviel zum Allgemeinen.
Foto: Tonja Reppegather
Damit Sie besser in die Welt des Alltags eintauchen können, begeben wir uns doch einmal an einem Mittwoch in die Schule. Frühes Aufstehen ist angesagt, denn die Tore der Schule werden pünktlich um 7:18 Uhr verschlossen. Begonnen wird mit der Formación, einer Art Versammlung, in der die Kinder streng in Reihen aufgestellt die Hymne singen und Informationen vom Schulleiter erhalten. Dann begeben wir uns in die „aulas“, die Klassenräume, die alle eine Tür zum Schulhof haben. 

Meistens besteht eine Klasse aus fünf bis zehn, maximal aus siebzehn Kindern. Manchmal sind auch mehrere Klassen in einem Klassenraum. Bis 12:45 Uhr geht jetzt der Unterricht. Zwischendurch gibt es eine 45-minütige Pause, in der die Kinder ein Schulfrühstück bekommen. Dafür bringt in der einen Schule jedes Kind eine Zutat  von Zuhause mit.
Das kann eine Möhre, eine Handvoll Kartoffeln oder ein kleines Säckchen Reis sein. Daraus bereiten abwechselnd Mütter in einem riesigen Topf über dem Feuer eine Mahlzeit zu. 

Die andere Schule bekommt wie alle Schulen in Ecuador das typische Schulfrühstück vom Staat: In Kartons geschichtete Tetrapacks, gefüllt mit Milch und Saft und aus Quinoa hergestellte, ziemlich geschmackslose Kügelchen. Uns Voluntarios beschert das leider Durchfall, aber die Kinder hält es zumindest ein paar Stunden satt. Ich gehe von Klasse zu Klasse und meistens sind die Kinder recht motiviert, was den Englischunterricht angeht. 

In der einen Schule, die hinter einem Berg gelegen ist, sodass die Sonne kaum eine Chance hat, sie zu erreichen, ist es so eisig kalt, dass wir alle paar Minuten ein paar Hampelmänner machen. Wie schon erwähnt, der Lernerfolg ist klein aber fein. Ich erkläre mir das mit den durchaus schwierigen Umständen, die die Kinder Zuhause vorfinden. 

Meist teilen sich drei Kinder ein Bett, es gibt sehr wenig Privatsphäre, oft sind die Eltern nicht da und nachmittags helfen die Kinder auf dem Feld. Da ist es verständlich, dass man müde ist und nicht den Platz findet, ungestört Hausaufgaben zu machen.
Foto: Tonja Reppegather
Zum anderen scheint es aber auch grundliegende Probleme im ecuadorianischen Bildungssystem zu geben. Kreatives, eigenständiges Denken und Problemlösen zum Beispiel, das fällt sehr schwer. Trotzdem nehme ich die Lehrer als sehr liebevolle und bemühte Lehrpersonen wahr und bin in so manchem Punkt inspiriert. 
Foto: Tonja Reppegather
Da wir gerade Mittwoch haben findet jetzt gleich noch der Girls Club statt, ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt. Gerade Frauen sind oft benachteiligt, auch was Aufklärung angeht. 

Im Girls Club sprechen wir über die Menstruation, über den weiblichen Zyklus, spielen aber auch mal nur oder basteln. Dank ein paar Spenden konnten wir freie Menstruationsprodukte auf der Mädchentoilette organisieren.

Nachmittags heißt es dann für mich Unterricht planen, und diese Woche auch, die Trimesterprüfungen vorzubereiten. Zudem bin ich gerade viel damit beschäftigt, einen Schulausflug auf die Beine zu stellen. 

Da sich das Jahr dem Ende zuneigt, möchten meine Mitfreiwillige und ich den Kindern noch etwas auf den Weg geben. Die Mehrheit hat ihr Dorf noch nie verlassen. Daher war die Idee, den Horizont etwas zu weiten und ihnen die Möglichkeit zu geben, mehr von ihrem Land zu sehen. 

Für diesen Tagesausflug müssten wir allerdings die Transportkosten für den Bus und die Eintrittskosten, für zum Beispiel einen Zoo, stemmen. Insgesamt benötigen wir dafür 900 Euro. Falls Sie die Kinder und uns dabei unterstützen wollen, freuen wir uns riesig. Klicken Sie doch gerne dazu auf den folgenden Link: https://www.betterplace.me/schulausflug-fuer-schueler-im-indigenen-ecuador

Mit diesem Anliegen endet nun mein Bericht. Danke, liebe PIENSA!- Stiftung für die Unterstützung und bis bald, mit einem neuen Bericht über das Leben der indigenen Kichwa-Bevölkerung. 

Liebe Grüße, Tonja
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